Arwyn Yale [Krimis ] Alice Vandersee [cosy Romance] Britta Dubber [Feel-Good-Romane]

Monat: Dezember 2025

Sich verständlich machen. Ein Problem, das ich mit Maja aus „Die Wunschkastanie“ teile.

Die Wunschkastanie ist kein Buch über Autismus. Es ist ein Buch in dem eine autistische Protagonistin – Maja – (eine von vier Hauptfiguren) eine Stimme bekommt. Die Szenen sind aus ihrer Perspektive geschrieben, allerdings nicht in der Ich-Form. Ich habe lange überlegt, ob ich bei diesem Roman zur Ich-Form wechsle. Es heißt, als Autorin könne man so die Emotionen besser beschreiben, die Figur nahbarer machen. Ich denke da anders und habe mich gegen die Ich-Perspektive entschieden, weil ich diese selbst eher ungern lese. Und für diesen Roman passte die Ich-Form für mich einfach nicht.

Vielleicht weil ich den Er/Sie-Erzähler allgemein bevorzuge. Vielleicht aber auch, weil Die Ich-Form bei einigen Figuren zu nah an mir selbst war. An mir und meinen Erfahrungen mit Angst, Zweifeln und Schuldgefühlen. Vielleicht war mir die Gefahr zu groß, dass ich zu viel von mir in die Figuren stecke. Sie sollten ja kein Abbild von mir sein. Und auch Maja ist – auch wenn sie sehr viel mit mir gemein hat – eine ganz andere Persönlichkeit. Allerdings sind viele Ängste, die sie ausspricht, auch mal von mir so ausgesprochen worden. Und einige Situationen, die sie erlebt, habe ich fast 1 zu 1 so erlebt und sie ausgewählt, weil sie meiner Meinung nach das Thema Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion verständlich machen für Menschen, die sich darunter wenig vorstellen können oder nur die überspitzten Darstellungen irgendwelcher autistischer Seriencharakter vor Augen haben.

Ich werde oft gefragt, was Autismus denn genau ist, oder wie sich das zeigt.

Dann kommt erst einmal die Kurzversion: Hauptsächlich Probleme in der sozialen Interaktion, schnelle Reizüberflutung, Einhaltung von Routinen und stereotype Verhaltensweisen, Schwierigkeiten im Umgang mit Veränderungen. Das klingt nach einer kurzen zusammengefassten Definition eines Fachbuchs oder einer Webseite. Und darunter können sich viele kaum oder alles Mögliche vorstelle. Ich denke dann immer, wo soll ich anfangen, meine Schwierigkeiten zu beschreiben, ohne einen halben Roman zu erzählen? Dann haben Autisten oft die Schwierigkeit zwischen wichtigen und unwichtigen Infos nicht unterscheiden zu können und einfach alles – manchmal chronologisch geordnet oder alphabetisch – aufzuzählen. Manchmal in der Aufregung aber alles gleichzeitig, ohne Struktur, so ein richtiger Infodump, der die Fragenden überfordert.

Ich gebe am liebsten Beispiel, weil es das am besten veranschaulicht. – Ich nehme oft alles wörtlich und habe Probleme, den Kontext zu erkennen. Dann nenne ich das Beispiel, wo Dirk und ich auf der Terrasse saßen, mit dem Rücken direkt zum Fenster. Dirk hatte mit der HWS Probleme und konnte sich zu der Zeit schlecht umdrehen. Wir hatten unsere Katzen, die erst seit Kurzem bei uns waren, im Wohnzimmer gelassen. Auf einmal hörten wir es von innen scheppern. Dirk bat mich daraufhin: „Guck doch mal durchs Fenster.“

Ich drehte mich um, schaute durchs Fenster, schaute wieder zu zurück und frage „Und nun?“

Ich habe nur auf das „Schau doch mal durchs Fenster“ geachtet. Ich habe genau das getan, um das er mich gebeten hat. Das mag für die meisten Menschen in der Situation unverständlich sein, da doch klar sein müsste, was er mit der Frage beabsichtigt hat. Aber genau dieses, Was jemand mit Fragen beabsichtigt, worauf er hinauswill, ist mir oft unverständlich. Er hätte direkt sagen müssen „Schau bitte durchs Fenster, ob du siehst, was die Katzen gemacht haben/ob du sehen kannst, was oder ob die Katzen etwas umgeworfen haben.“

Diese Szene habe ich fast 1 zu 1 so in den Roman übernommen. Nur, dass Maja mit ihrer Oma Gerda in der Küche stand.

Die Katze unter ihrem Stuhl gurrte, sprang auf und jagte einer Fliege hinterher, die sie über die Spüle bis durchs offene Fenster nach draußen verfolgte. Kurz darauf schepperte etwas. »Guck doch mal bitte aus dem Fenster«, bat Gerda sie und schenkte den Kaffee in zwei Becher. Maja stand auf, schob den Stuhl zurück und blickte aus dem Fenster, bevor sie sich zu ihrerGroßmutter umdrehte. »Ja? Hab ich, und nun?«

Gerda seufzte. »Du solltest gucken, was das für ein Krach war. Hat die Katze was umgeworfen?«

»Ach so.« Maja biss sich auf die Lippen und blickte erneut nach draußen, dieses Mal verrenkte sie sich fast den Hals, um einen Blick auf den Vorgarten und die Katze zu werfen, die nun direkt vor der Kastanie im Hof lag, wo sie ein schattiges Plätzchen gefunden hatte. Die tiefen hängenden Zweige wirkten dabei wie zwei schützende Arme. 

»Denk doch mal ein bisschen mit, Kind! Wieso hätte ich dich denn sonst auffordern sollen aus dem Fenster zu schauen?«

»Sie hat die leere Gießkanne umgeworfen.«

Maja versuchte gar nicht erst ihre Großmutter davon zu überzeugen, dass sie sich genau an ihre Aufforderung gehalten hatte, aus dem Fenster zu gucken. Die Leute erwarteten nämlich, dass man einen Zusammenhang zu einer vorherigen Situation herstellen kann, aber das funktionierte bei ihr einfach nicht, egal, wie sehr sie »mitdachte«. Katze springt aus dem Fenster in den Garten, etwas scheppert, sie soll nach draußen schauen. Eigentlich ganz einfach, könnte man meinen, nur, dass es ihr nie gelang, all die Sachen in einen

Zusammenhang zu bringen. Sie sah alles einzeln, isoliert, erfasste die Dinge nicht als Gesamtsituation. Damit sie eine Frage oder Aufforderung verstand, musste sie sehr konkret gestellt werden. Schau bitte nach, ob die Katze etwas umgeworfen hat. 

Maja wusste nicht, was mit ihrem Gehirn nicht stimmte, aber es funktionierte irgendwie anders und schien nicht mit denen von anderen Menschen kompatibel zu sein.

Aber natürlich kann ich nicht für jede Schwierigkeit, die mein autistisches Hirn mit sich bringt, ein so ausführliches Beispiel bringen. Dafür reicht die Zeit nicht. Und es wäre vermutlich das, was unter dem Begriff „Oversharing“ fällt. Aber da ich so oft missverstanden wurde im Leben, habe ich das Bedürfnis, es möglichst genau zu erklären. Was dann oft den gegenteiligen Effekt hat. Zu viele Infos, zu viele Abschweifungen, zu viele Erklärungen und Erklärungen für Erklärungen, dass bei den Leuten ein Fragezeichen zurückbleibt.

Wenn es nur bei der sachlichen Kurzdefinition über Autismus bleibt, denken die Menschen allerdings oft, „Naja,  bei der Arbeit gibt es auch oft Missverständnisse, die hat doch jeder mal.“ Und dann kommt ganz schnell „Autismus hat doch heute doch jeder, früher gab’s das alles nicht. Modediagnose, Ausrede … Die ist doch viel zu intelligent, um wirklich solche Schwierigkeiten zu haben. Das ist nur fehlende Konzentration. Wenn sie wirklich wollte, könnte sie …

Und das macht es so schwierig, eine unsichtbare Einschränkung im Leben zu erklären. Auch in diesem Roman hätte ich Majas Schwierigkeiten im Leben viel intensiver beschreiben können. Aber der Fokus sollte nicht auf den Autismus gelegt werden. Sondern auf die Schwierigkeiten der vier 4 Hauptpersonen, die alle unterschiedlich sind. Und Autismus ist nur ein Teil davon.

Wieso es mehr als ein Herzensprojekt ist.

Die Wunschkastanie ist während des Schreibens immer mehr zu einem Herzensprojekt geworden. Nun, das könnte ich über jeden Roman sagen, aber hier ist es noch einmal anders.

  1. Die Protagonistin Maja hat sehr viel mehr von meinen Eigenschaften und Erfahrungen abbekommen, als ich geplant hatte.
  2. Maja ist wie ich Autistin, auf den ersten Blick unauffällig, zu unauffällig um wohl für die meisten Menschen als Autistin gesehen zu werden (Stichwort Stereotype) und zu autistisch, um nicht ständig anzuecken, zurechtgewiesen und kritisiert zu werden.
  3. Maja hat einen großen Verlust erlitten. Die Parallelen sind erschreckend. Als ich das Buch beendet hatte, wussten wir noch nicht, dass mein langjähriger Partner schwer krank war. Im Roman hat Maja, die als Autistin mit Veränderungen nicht gut zurechtkommt, sehr große Schwierigkeiten mit der Krankheit ihrer Mutter umzugehen. Es gibt eine Szene in der Küche mit ihrer Oma, in der ich den Leser*innen näherbringen wollte, wie angstbesetzt sich Veränderungen für Autisten anfühlen können. Selbst kleine oder wenn eine tägliche Routine auf einmal wegfällt. Ich ahnte nicht, dass ich Monate später vor den gleichen Herausforderungen stehen würde.
  4. Die Idee zum Roman ist sehr alt. Als ich sie damals meinem Partner erzählte, schlug er den Titel „Die Wunschkastanie“ vor, den ich sofort schön und passend fand. Er glaubte immer an das Buch. Und eigentlich wäre es auch in einem Verlag rausgekommen. Wenn nicht … Corona, die Parisreise, die auf einmal störte, Corona und das Kürzen der Verlagsprogramme und Schließen der Buchhandlung, die Krankheit, der Tod … Dieses Genre eignet sich nicht gut fürs Self-Publishing, das weiß ich. Ich finde es bloß zu schade, es auf der Festplatte verstauben zu lassen, wo dieser Roman doch so viel zu erzählen hat und die Figuren solche Hürden auf sich nehmen, um an ihr Ziel zu kommen. Und vielleicht gibt es da draußen ja auch jemand wie Maja, die zu autistisch ist, um „normal“ zu sein, aber zu „normal“, um autistisch sein können und stattdessen als  unfreundlich, egoistisch, einfach nur schüchtern und unbeholfen und sich mit Absicht blöd anstellend bezeichnet wird. Oder jemand wie Pip, der seinen Traum aufgeben musste, an den Anforderungen der anderen scheiterte und immer noch an seinem Traum festhält, auch wenn die Angst ihn lähmt. Oder Gerda, die ihre große Liebe gehen ließ und fünfzig Jahre später schließlich den Mut findet, ihn zu suchen. Oder Betty, die Angst hat die letzten Worte ihrer besten Freundin zu lesen. Sie alle haben zu viel zu sagen, um nicht eine Bühne zu bekommen.

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